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KAE, GSA/XXX.02b :: Kloster Einsiedeln, Gotik, 17. Jahrhundert, Abt Augustinus Hoffmann (Einzelstück)

Identifikation
Signatur

KAE, GSA/XXX.02b

TitelKloster Einsiedeln, Gotik, 17. Jahrhundert, Abt Augustinus Hoffmann
Entstehungszeitraum1610
Urheber:in
ca. 1610 / Martin Martini
ca. 1610 / Henricus Stacker
Kommentar zur Datierung

1612 starb Martin Martini.

VerzeichnungsstufeEinzelstück
Umfang (Stückzahl)

1

ObjekttypBild
Umfang (Beschreibung)

37.8x25.3

Inhalt und innere Ordnung
Form und Inhalt

Originaltitel: Ichnographia sive species; templi inf, et sacelli B. M. V. coelitus consecrati, et S.S.P.P. qui in uno monasterio heremitarum sive einsidlen, sub Reg. S. P. Bened. Clarvere. Unter dem Bild: »Reverendissmo in Christo Pat. ac amplissmo. D. Augustino Abbati2) almi monasteri. D. Virg. ac Mat: Dei, in Sacra Eremo Helvetica. S. H. L Principi etc. Reverendis religiosis, nobilib. viris Joan. Joachimo à Beroldingen deca.3) ceterisq. R. R. P. P. convent. L. E. D. Ichnographiag hanc Henricus Stacker libens, merito, dedicat consecratq. Cum privileg.«

S. 141 Eine interessante Ergänzung zu dem Klosterprospecte von Einsiedeln in Merians »Topographia Helvetia; ec.« giebt ein Blatt des Kupferstechers Martin Martini 1), welches die innere Ansicht der Stiftskirche darstellt. Ein Exemplar dieses stattlichen Blattes besitzt das Kupferstichkabinet der alten Pinakothek in München, ein anderes die Kupferstichsammlung des Dresdener Museums. Die Höhe (im Plattenrande gemessen) beträgt m. 0,375, die Breite 0,25. Am Kopfe steht in Capitälen die zweizeilige Inschrift: ICHNOGRAPHIA sive species et templi inf. et sacelli B. M. V. coelitus consecrati; et S. S. P. P. qui in vno monasterio heremitarum sive Einsiedlen sub reg. S. P. Bened. clarvere. Am Fusse liest man die Widmung des Verlegers: »Reverendissmo in Christo Pat. ac amplissmo. D. Augustino Abbati 2) almi monasteri. D. Virg. ac Mat:Dei, in Sacra Eremo Helvetica. S. H. L Principi etc. Reverendis religiosis, nobilib. viris Joan. Joachimo à Beroldingen deca. 3) ceterisq. R. R. P. P. convent. L. E. Ichnographiag hanc Henricus Stacker libens, merito, dedicat consecratq. Cum privileg.«

Zwei ovale Medaillons zu Seiten dieser Inschrift enthalten das Eine den geviertheilten Schild von Abt und Stift, das Andere die Darstellung der Madonna, die, von Wolken umgeben, mit dem Kinde auf den Armen auf einer Mondsichel steht. Am Fusse des vordersten Pfeilers zur Linken hat Martini sein Monogramm, die zwei verschlungenen M mit der Boraxbiichse darüber, und darunter die Jahreszahl 161 verzeichnet. Auf dem Münchener wie auf dem Dresdener Exemplare fehlt die letzte Ziffer, der Stecher scheint sie vergessen zu haben, doch kann sie nur eine 0 oder ein 1 gewesen sein, da Martini schon 1612 gestorben ist. Ein gothisch profilirter Rundbogen, der unmittelbar aus den schlanken Pfosten wächst, umrahmt das Bild. ZAvischen der oberen Inschrift und dem Scheitel des Bogens befindet sich ein breit gestelltes ovales Medaillon, in welchem der Tod des hl. Meinrad geschildert ist. In der Tiefe sieht man die Zelle, vor der eine Kerze brennt. Vorn liegt der Heilige auf dem Boden hingestreckt. Zu Häupten schwebt sein Wappenschild.Links fliehen, von den Raben verfolgt, die beiden Mörder. Die seitlichen Zwickel füllt ein gothisirendes Ornament von Astwerk und Blättern. Aus den Spiralen und Kelchen, welche diese Letzteren bilden, wachsen beiderseits die Halbfiguren von je vier hl. Aebten hervor.

  1. Vgl. »Anzeiger«: 1879, Nr. 2, S. 915 u. f., Nr. 3, S. 932 ff.
  2. Augustin I. Hofmann aus Baden. 1000—1629.
  3. Nach einer gef. Mittheilung des Herrn Stiftsbibliothekar P. Gabriel Meier wurde Beroldingen wahrscheinlich 1600 zum Dekan gewählt, er erscheint als solcher 1602 und starb 1620.

S. 142 Durch den Bogen darunter öffnet sich der Einblick in das Schiff der Kirche, wie sich dasselbe dem von Westen Eintretenden präsentirte. Vorn in der Mitte des Hauptschiffes steht die Muttergotteskapelle, aus der sich eine Procession von Mönchen, darunter ein infulirter Geistlicher, mit Kreuz und Fahnen nach dem Chore bewegt. Rechts knien anbetende Frauen, gegenüber stehen Männer und durch die Thüre im nördlichen Schiffe treten andere Andächtige in die Kirche ein. Im Osten schliesst eine bis zum Gewölbe reichende Scheidewand das Schiff von dem Mönchschore ab. Sieht man ab von den perspectivischen Fehlern, von dem augenscheinlichen Missverhältnisse, das zwischen den übermässig langen Stützen und dem Hochbau besteht,sowie von der Verwandlung der Spitzbögen in Rundbögen, so zeichnet sich diese Vedute durch eine für die damalige Zeit überraschend genaue Wiedergabe aller Einzelnheiten aus. So fleissig ist die Zeichnung, dass man auf den ersten Blick zwischen gothischen Theilen und den späteren im Hochrenaissancestile ausgeführten Zuthaten unterscheidet und auf den Altarflügeln im nördlichen Seitenschiffe sogar den Inhalt der Malereien erkennt. Ebenso eingehend, man könnte fast sagen photographisch getreu, ist die Façade der Muttergotteskapelle gezeichnet. Die Technik zeigt dieselbe spiessige, metallische Härte, welche den sämmtlichen übrigen Stichen Martinis eigen ist. Der Raum, in den uns der Meister blicken lässt, ist von dreischiffiger Anlage mit einem wenig überhöhten Mittelschiffe. Das Hauptschiff ist mit einem Netzgewölbe bedeckt. Die Rippen zeigen das einfache Kehlprofil und laufen unmittelbar unter den Schildbögen spitz zusammen ; in den Abseiten und der nördlichen Kapellenreihe dagegen setzen sie auf kleinen Consolen ab. Die Oberlichter in den unverhältnissmässig niedrigen Hochwänden des Mittelschiffes sind derart vertheilt, dass je nur der zweite Schildbögen ein solches enthält und ihre Formen auf beiden Seiten verschieden. Die Nordwand ist von leeren kreisrunden Oeffnungen durchbrochen, die Südwand dagegen mit rundbogigen Maasswerkfenstern versehen. Dieselbe Form der Fenster wiederholt sich an der Langwand des südlichen Nebenschiffes, wogegen das nördliche sich gegen eine Reihe annähernd gleich hoher Kapellen öffnet, die zwischen den einwärts gezogenen Streben ausgespart und wie die Abseiten mit Netz- oder Sterngewölben bedeckt sind. Die Stimfronten dieser Streben entsprechen den Freistützen. Diese sind Rundpfeiler (nur die westlichste Stütze der nördlichen Pfeilerstellung ist von achteckiger Form) und oben mit vier prismatischen Gesimsconsölchen versehen, welche ohne Weiteres den Uebergang zu dem Quadrate des Bogenauflagers vermitteln. Die Archivolten, welche Martini wohl irrig als überhöhte Korbbögen gezeichnet hat, sind an den Kanten mit leichten spitzablaufenden Kehlen gegliedert. Die Basen, die aus Wulst und Hohlkehle bestehen, ruhen auf achteckigen Postamenten. In der nördlichen Pfeilerreihe zwischen dem zweitletzten Stützenpaare im Osten steht der Taufstein. Er ist von einem achteckigen Gitter umgeben und mit einem spitzen Deckel versehen, der vermittelst einer unter der Archivolte angebrachten Vorrichtung emporgezogen werden konnte. Auch die Neben-kapellen sind durch ein hohes Holzgitter in der ganzen Länge gegen das nördliche Seitenschiff abgeschlossen. An der Ostwand des Mittel-schiffes erhebt sich in spätgothischem Aufbau ein hoher Schnitzaltar. Darüber befindet sich eine Uhr, deren Gehäuse eine reiche Verzierung im späteren Renaissancestile zeigt. Vom in der Mitte des Hauptschiffes, nahe beim Eingange, steht die spätgothische Gnadenkapelle. Man sieht bloss die Westfronte. Sie ist von schräg vortretenden Strebepfeilern flankirt, die in zwei Absätzen mit geschweiften Verdachungen

Seite 143 versehen sind und zu ebener Erde mit drei halbrunden von Säulen getragenen Blendarcaden decorirt, deren mittlere den Eingang enthält. Den Rest der Fronte bis zum Giebel schmückt ein reicher Aufbau von Reliefs in architektonischen Umrahmungen, welche die üppigen Formen der Hochrenaissance zeigen. Zu diesem Stiche ist nun Folgendes zu bemerken. 1467 war die alte, nach einem Brande von 1226 erbaute 1) Stiftskirche von Einsiedeln ein Raub der Flammen geworden. Von der damals noch flachgedeckten Kirche blieben nur die Mauern stehen, ebenso von der Muttergotteskapelle, die nach dem einen Berichte gleichfalls noch keine Wölbung hatte 2), nach einem anderen Documente dagegen schon im Jahre vorher mit einer solchen versehen und durch Strebepfeiler verstärkt worden wäre 3). Die Wiederherstellung leitete der Pfleger des Stiftes, Barnabas von Monsax, zunächst im »unteren Münster«, der auf unserem Stiche abgebildeten Vorder- oder Wallfahrts-kirche, die »mit Quadersteinen herrlich gebawen« wurde und gewölbte Abseiten erhielt. Einen sofortigen Umbau der ganzen Kirche hinderte die Festigkeit der beiden alten Glockenthürme, die zwischen der Vorderkirche und dem Chore standen 4), doch wird in der Folge auch hier von einer Neuerung berichtet, die noch unter Abt Conrad von Hohenrechberg (bis 1526) stattfand:»item der Chor sambt dem oberen Münster gewölbt worden. Item die Chor Taffei geschnitzlet und auffgesetzt worden« 5). Es ist unbekannt, ob diese Unternehmung etwa im Zusammenhange mit der Wiederherstellung erfolgte, welche durch eine abermalige am 3. März 1509 ausgebrochene Feuersbrunst veranlasst worden war 6). Weitere Bauten folgten unter Abt Joachim Eichhorn (1544—69), der nun auch das Mittelschiff des unteren Münsters mit dem auf unserem Stiche abgebildeten Netzgewölbe bedecken liess 7). Aus einer späteren Andeutung geht hervor, dass 1568 der Ausbau des Münsters in der Hauptsache vollendet war 8). Aber schon nach 9 Jahren, am 13. April 1577, wurde das Kloster abermals durch Feuer verwüstet 9). Alles Dachwerk verbrannte, auch die Helme auf den Thürmen. Die Mauern der Letzteren waren stark beschädigt und alle Glocken geschmolzen. Die Gnadenkapelle allein hatte nicht gelitten und der Chor. Im Kloster dagegen waren alle nicht gewölbten Räume eingestürzt. Die Vorderkirche, wie sie Abt Adam (bis 1585) wiederherstellen liess, hat nun Martini auf seinem Stiche abgebildet. Bemerkenswerth ist dieselbe besonders wegen der einlässlichen Darstellung der Gnadenkapelle, da diese schon bald nachher, im Jahre 1617, eine wesentlich andere Gestalt erhielt 10). Hier dagegen erscheint sie, abgesehen von dem Renaissance-schmuck der Façade, als ein noch völlig spätgothisches Gebäude. Ihre Gestalt entspricht im Wesentlichen einer älteren Abbildung, die Heinrich Stacker

  1. »Annales Einsiedlenses« bei Pertz, Mon. Scr. III, p. 149 und »Geschichtsfreund«, Bd. I, p. 149.
  2. »Documenta archivii Einsidleusis«, Vol. I. Einsiedeln 1645. Capsula C. p. 115. 3} 1. c. p. 116. »Geschichtsfreund«, Bd. IV, p. 304. P. Gall Morel, »Die Legende von S. Meinrad und von dem Anfange der Hoffstatt zu den Einsiedeln«. Einsiedeln ec. 1861, p. 77. G. v. Wyss, »Gesch. der Abtei Fraumünster«. Beilagen S. 443, No. 476 (im Auszug).
  3. Archiv I, Capsula C. p. 119.
    1. c. p. 122.
    1. c. p. 119 (14)
    1. c. 127.
    1. c. 154.
  4. p. 130 u. f., 153 u. f.
  5. P. Gall Morel, »Die Legende von Sankt Meinrad«. S. 78, mit Abbildung der 1617 neu aufgeputzten Kapelle auf Taf. IL

Seite 144 im Jahre 1597 veröffentlicht hat 1). Auf diesem Blatte ist die Kapelle von der Nord-Westseite aufgenommen, so dass man auch den östlichen Abschluss sieht. Er besteht aus einem niedrigen halbrunden Chörlein mit kahlen Mauern und einem kleinen Glockenstuhle, der auf dem Dache sitzt. Die Westfaçade zeigt zu ebener Erde eine dreitheilige Gliederung mit halbrunden von Säulen getragenen Blendarcaden. Die obere Hälfte ist kahl und der Giebel mit senkrechten Brettern verschalt. An der Nordseite, wo zwischen den 3 Streben Sitzbänke eingelassen sind, fällt es auf, wie das Dach mit unverschalten Balkenköpfen auf dem Gesimse ruht. Eine weitere Ergänzung bietet eine Abbildung des Inneren dar, welche ein kleiner Kupferstich in der Ziegler'schen Prospectensammlung zeigt 2). Die Gnadenkapelle erscheint hier, wie das Hauptschiff der Kirche, mit einem spätgothischen Netzgewölbe bedeckt, dessen Rippen in halber Höhe der Langwände mit flachen Vorlagen absetzen. Es ist Schade, dass keine Aufnahme des »oberen Münsters« existirt, denn die äusseren Ansichten der Stiftskirche, welche uns bisher bekannt geworden sind, weichen mehrfach von einander ab. Matthseus Merian der in seiner »Topographia Helvetioe« den bekanntesten und wohl auch den zuverlässigsten Prospect gegeben hat, stellt das Münster — von Südwesten gesehen — als eine kreuzförmige Basilika dar. Der Westfronte fügt sich eine geschlossene Vorhalle an. Neben der Mitte des Hauptschiffes stehen die beiden Thürme. Im Osten derselben setzt sich das südliche Nebenschiff bis zum Querhause fort. Es ist hier von Strebebögen überragt, die. gegen das Hauptschiff des oberen Münsters ansteigen. Der Chor ist polygon geschlossen und von gleicher Höhe wie die Vorderkirche. Mit dieser Darstellung stimmt im Wesentlichen die nordöstliche Ansicht von 1674 überein, welche Gall Morel auf Taf. Ill der »Legende von S. Meinrad« veröffentlicht hat, und ein anderer Stich von J. Melchior Füssli, der sich in der Ziegler'schen Prospectensammlung befindet 3), wogegen zwei andere Veduten, darunter eine unter Abt Maurus v. Roll (1698—1714) verfertigte Ansicht, die Vorderkirche (das »untere Münster«) bedeutend niedriger als das jenseits der Thürme befindliche Hauptschiff erscheinen lassen 4). In seiner Abhandlung über das »Büchlein vom Anfang der Hofstatt zu den Ein¬ siedeln und die Einsiedler Chroniken vom XIV.—XIX. Jahrh.« 5) S. 171, bezeichnet P. Gall Morel als die älteste ihm bekannte Innenansicht der Stiftskirche den Titelholzschnitt zu der 1605 in Mailand erschienenen Uebersetzung »Historia della vita e morte di S. Menrado ec. von P. F. Buonaventura Oligiati«. Wir sind durch die Zuvorkommenheit des Herrn Stiftsarchivars, P. Adelrich Dieziger, der die Gefälligkeit hatte, uns ein Exemplar dieses Büchleins zu übermitteln, in den Stand gesetzt, hierüber aus eigener Anschauung

  1. Ziegler'sche Prospectensammlung auf der Stadtbibliothek Zürich. Schwyz II. No. 2457. Das Blatt, welches ausserdem noch mehrere Reihen von Wappenschilden enthält, trägt die Unterschrift: Heinrich Stacker excudit Monachy cum privilegio superiorumm (sic!) Anno 1597, und erschien als Beigabe zu der 1597 iu München hei Adam Berg gedruckten »Successio abbatum«. (Haller, Bibl. Ill, No. 1203. »Geschichtsfreund« XIII, S. 171, 13. Vgl. auch unten S. 146, Note 5.)
  2. Schwyz li. No. 12769. Laut beigefügtem Vermerk aus dem »Rosengärtlein der gnadenreichen Erzbroderschaft Maria?.« 8° Constanz bei Straub, 1611.
  3. Schwyz I, No. 2516. J. Melchior Füsslin del. Andr. Hoffer sculp. Mart. Engelbrecht exeud. A. V. (Augsburg).
  4. A. a. 0. No. 2509, und 2517.
  5. »Geschichtsfreund« XIII, p. 154 ff.

Seite 145 zu urtheilen. Die in klein 4° erschienene Ausgabe enthält eine Reihe augenscheinlich italienischer Holzschnitte, ziemlich flaue Bildchen, die sich als freie Wiederholungen der spätgothischen Holzschnitte in der 1587 bei Abraham Gemperlin zu »Freyburg in der Eydgnoschaft« erschienenen »Histori von dem Leben und Sterben S. Meinrats« zu erkennen geben 1). Die Titelvignette (0,097 breit: 0,076 hoch) weist auf dieselbe Urheberschaft wie die übrigen Holzschnitte. Die Auffassung ist, mit Weglassung des umrahmenden Bogens, die gleiche, Avelche dem Martini'schen Stiche zu Grunde liegt. Man sieht von der Muttergotteskapelle nur die Westfronte. Sie zeigt dieselbe Gliederung des Erdgeschosses und darüber eine zweistöckige Architektur von Tabernakeln : drei untere Felder mit heiligen Gestalten zwischen Hermen und Säulen und darauf die Verkündigung Mariae zwischen Cartouschen, welche die Säulen flankiren und den Architrav bekrönen. Auch die Staffagen sind dieselben wie auf dem Martini'schen Blatte, die Abseiten wieder durch Gitter abgeschlossen und durch schlanke Rundpfeiler mit jonischen Kapitalen und überhöhten Korbbögen von dem Hauptschiff getrennt. Im nördlichen Nebenschiffe erkennt man den Flügelaltar, welchen Martini an dieser Stelle gezeichnet hat, der Taufstein hingegen fehlt und ebenso sind der Hochbau des Hauptschiffes und die Ostwand verdeckt, weil über der Kapelle die Madonna in einer von Wolken umgebenen Glorie thront. Es hält nun freilich schwer, einen genügenden Aufschluss über das beiderseitige Verhältniss dieser Abbildungen zu ermitteln. Sicher scheint nur Etwas zu sein, dass nämlich die Titelvignette, trotz des früheren Datums, nicht als die Originalaufnahme zu gelten hat. Diess aber vorausgesetzt kann nur über die Frage zu entscheiden sein,ob Martini's Arbeit das Original der Vignette gewesen sai, oder ob beide Künstler, der Stecher und der Holzschneider, unabhängig von einander nach einer dritten, nicht mehr vorhandenen Aufnahme gearbeitet haben? Wir glauben uns für die erstere Annahme entscheiden zu sollen, denn die Arbeit Martini's trägt alle Kennzeichen eines Originales, wogegen der Holzschnitt in keinem Punkte eine selbständige Auflassung verräth, wohl aber eine Reihe charakteristischer Erscheinungen vermissen lässt, deren Ausfall nur die gedankenlose Wiederholung des Stiches erklärt. Dabei ist allerdings nicht zu bestreiten,dass die auf dem Letzteren angebrachte Jahreszahl 161 einiges Bedenken erregt. Schon im Sommer 1609 hatte nämlich Martini die Schweiz verlassen. Mit einem Geleitsbriefe des Freiburger Rathes 2), der vom 22. August datirt, war er nach Italien gezogen. Er hoffte als Krieger sein Glück unter den Fahnen des Marquis Spinola zu finden. Mit ihm scheint auch seine Familie ausgewandert zu sein, wenigstens hört man im November desselben Jahres, dass ein Sohn Martini's kurz vorher das Mailändische Collegium Borromoeum besucht hatte 3). Auch 1610 ist Martini's Anwesenheit in Mailand bezeugt 4). Dann aber verschwindet jede Spur des Meisters; er muss bald nachher

  1. Vielleicht sind diese Holzschnitte, entwickeltere Reproductionen der im Wallfahrtsbüchlein von 1460 erschienenen Abbildungen, aus der 1480 »in der löblichen stadt Nürnberg von Hans Mayr«- vollendeten »Wallfart zu den Einsidlen« (»Geschichtsfreund« a. a. 0. 164. 2) oder der Ausgabe von Sebastian Brandt, Basel bei Michael Furter 1496 (a. a. 0. 165. 4) entnommen.
  2. Wir verdanken eine Abschrift dieses Documentes aus dem Missivenbuche No. 39, p. 99 der Gefälligkeit des Herrn Staatsarchivar Schneuwly in Freiburg.
  3. Mittheilung desselben aus dem Missivenbuche No. 36, p. 868.
  4. Th. v. Liebenau im »Anzeiger f. Schweizerische Alterthumskunde« 1879, S. 934.

S. 146 gestorben sein. Am 4. October 1612 empfahl die Regierung von Freiburg dem Rath in Luzern des Künstlers Wittwe, die in bedrängten Umständen aus Italien heimkehren wollte 1). Scheinbar stünde also die Datirimg des Blattes mit des Meisters Lebensverhältnissen im Widerspruche. Allein die Thatsache, dass ein bereits zum Drucke verwendetes Blatt erst später mit einer Jahreszahl versehen wurde, steht auch in dem Martini'schen Werke nicht vereinzelt da 2). Ueberdiess hatte Martini das Blatt im Auftrage eines Verlegers gestochen und dieser somit allein die Wahl des ihm passend scheinenden Zeitpunktes für die Veröffentlichung zu treffen, bei welchem Anlasse dann auch das freilich unvollständige Datum hinzu gefügt worden sein mag.

Von Heinrich Stacker, dem Verleger, ist wenig bekannt. Aus einer Inschrift geht hervor, dass er von schweizerischer Herkunft war 3). Die erste Probe von seiner Wirksamkeit, die wir kennen, ist ein 1597 datirter Kupferstich mit der Abbildung der Gnadenkapelle und den Wappen der Aebte von Einsiedeln, der in demselben Jahre als Beigabe zu dem Büchlein »Kurtze erklerung aller fürstlichen Prelaten Namen vnd herkommen, welche das weitberhümt Gottshauss Einsidlen, inn die sechshundert Jar regiert haben« ec. erschien 4). Wiederum mit seinem Namen »Stacker ex.« ist das 28. Blatt, die Himmelfahrt der hl. Magdalena, in der Ausgabe des »Speculum Pcenitentia?« von 1602 versehen und lernen wir ihn endlich als den Verleger einer schönen Sammlung von 24 Kadirungen, Scenen aus dem Leben der Heiligen Benedict und Scholastica, kennen, die Stacker wahrscheinlich zu Anfang des XVII. Jahrh. dem Abte Johann Jodocus Singeisen von Muri gewidmet hat 5). Füssli in seinem »Allgemeinen Künstlerlexikon, Zürich 1813« berichtet bloss, dass Stacker »ein alter Kunstverleger in München« war. Platten von älteren und berühmten Stechern, die ihm in die Hände fielen, pflegte er abzudrucken, bis sie völlig ausgepresst zum alten Kupfer geworfen werden mussten. Die mehrfachen Ausgaben, welche das Rechnungsbuch des Abtes Augustin Hofmann von Einsiedeln für Stacker verzeichnet hat, scheinen darauf hinzudeuten, dass er ein bevorzugter Bücherlieferant des Stiftes war 6). Vielleicht ist der Pilger, der auf der Titelvignette der »kurtzen erklerung« anbetend vor der Madonna kniet, Stackers Porträt. In Einsiedeln selber lebte Paul Stacker, vermuthlich ein Verwandter Heinrichs. Auch er kommt

  1. Mittheilung des Herrn Staatsarchivar Schneuwly aus dem Missivenbuche No. 37, p. 57.
  2. Ein Abdruck des kleinen Stiches »die gnadriche Cappel zu einsitlen«, den die Kupferstichsammlung des Eidgen. Polytechnikums besitzt, ist ohne Datum, wogegen dasselbe Blatt in dem Münchener Exemplare des »Specnlum Poenitentiae« die Jahrzahl 1602 trägt.
  3. Note 5 unten.
  4. »In Druck verordnet, durch Heinrich Stacker zu München im jar Christi 1597. Gedruckt zu München,bey Adam Berg.« Vgl. Haller, »Bibl. d. Schweizergesch.« III. Tbl, S. 388, No. 1203. »Geschichtsfreund« XIII, p. 171. 13. Ein Exemplar dieses seltenen Büchleins in der Bürgerbibliothek Luzern, ein Abdruck des Stiches in der Ziegler'schen Prospectensammlnng, Schwyz II, auf der Stadtbibliothek Zürich.
  5. Theatrum in quo res gest» beatissimi Patris ac monachorum Patriarchs! Benedicti velut in scena spectant» atque Christianis omnibus imitando proponuntur. Revo, in Christo Patri Joanni Jodoco Coenoby Murensis apud Helvetios Abbati dignissimo Henricus Stackeri dedicavit et excudit. Monachy Boyorum. Am Fusse des letzten Blattes, das die Glorie der hl. Benedict und Scholastica darstellt, steht der Vermerk : Heinric Stacker helvetius excudit Monachy. Ohne Jahreszahl. Zwei schöne Exemplare dieser Sammlung besitzt die Stiftsbibliothek von Muri-Gries.
  6. Mittheilung des Herrn Stiftsbibliothekar P. Gabriel Meier aus P. Gall Morel's »Geschichte der Bibliothek Einsiedeln« (Msc. pag. 48).

S. 147 mehrfach in den Stiftsrechnungen vor. Sie verzeichnen Auslagen für Buchbinderarbeiten,Stiche von Wappen, »Zins vom Kramladen« 1). Ebenso hat Stacker in Kupfer gestochen 2) und 1609 im Auftrage des Rathes von Luzern eine neue Auflage des Martini'schen Stadtprospectes gedruckt 3).

  1. Mittheilung des Obigen aus den Abtei-Rechnungen im Archiv Einsiedeln, Cod. A. K". B. I.
  2. P. Stacker fecit, auf dem Titelblatte der »Historia von dem Leben und Sterben des H. Einsydels u. Märtyrers S. Meinrads«. Einsiedeln 1603. (»Geschichtsfreund« XIII, S. 172. 15).
  3. »Geschichtsfreund« Bd. X, S. 247.

J. R. Rahn

Aus: Zeitschrift: Anzeiger für schweizerische Alterthumskunde = Indicateur d'antiquités suisses. Band (Jahr): 4 (1880-1883). Heft 14-2. S. 141-147. Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-155454 PDF erstellt am: 06.06.2017 http://www.e-periodica.ch

SchlagwörterLithographie
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Zugangsbestimmungen / Sperrfristöffentlich
Physische Beschaffenheit und technische Anforderungen

Beschreibstoff: Papier

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Erstellt2017-06-06 16:05:22 / peter.luethi
Aktualisiert2017-06-06 16:05:22 / peter.luethi  

2017-06-06 16:05:22 / peter.luethi (Kopiert)
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